Pinzette küsst graues Haar!

Es war ein verdammt heißer Samstagabend, mitten im August, mitten in Düsseldorf. Düsseldorf schmachtete vor Sommerfeeling nur so dahin. Die Hitze war nicht nur auf dem Asphalt sondern auch in den Gemütern zu spüren. Der Hafen, das Rheinufer und die Ratinger bebten vor Leben. Erfolgreiche, gut gelaunte und noch besser gestylte Menschen wohin das Auge reichte. Die leichte Kommunikation, das kalte Alt und die aufregende Abenteuerlust lagen über der Stadt. Es war Sommer, es war heiß und ich war es auch!

Düsseldorf schrie förmlich danach in dieser Nacht erobert zu werden. Mitte zwanzig, beruflich auf dem Höhenflug und willig, den Schreien der Stadt zu folgen, konnte mein Stylingritual beginnen. Aus der Stereoanlage in meinem Appartment dröhnte Snow Patrol. Bewaffnet mit einem Glas gekühltem Prosecco, stand ich vor meinem guten Freund dem Badspiegel. Mal ehrlich, kein Freund ist so aufrichtig, wie ein grell beleuchteter Badspiegel. Ob Mitesser, kleine Fältchen, Haare, die aus dem Kinn (!) wachsen oder braune Fleckchen im Gesicht. Welcher gute Freund, wenn er auch noch so ehrlich ist, weist einen freundlich darauf hin?

 „He Luise, Du dir wächst da ein schwarzes Haar aus dem Kinn“ oder „Schätzchen, die schwarzen Punkte auf Deiner Nase, sind das Sommersprossen oder Mitesser?“.

Nicht weil man solche Freunde nicht hat, die ungemein ehrlich sein können. Nein, vielleicht weil andere gar nicht so genau hinschauen. Vielleicht auch, weil das Selbstbild oft viel kritischer und weitaus detailverliebter nach Makeln, Fehlern oder eben Härchen sucht. Darum liebe Leser, ein Hoch auf den gut beleuchtenden Badspiegel. Warum nur der im eigenen Bad? In den eigenen heiligen Badhallen, ist er unser Verbündeter, unser Helfer und unser Retter in der Not. Egal wie hart sein Feedback ist, um ihn herum ein Meer von Waffen und Werkzeug, die uns im Kampf gegen das Hässliche zum Sieg verhelfen. Make-Up, Pinzette, Rasierer, Rouge, Eyeliner, Wattestäbchen, Wimperntusche oder Nasenhaarentferner – um nur einen Bruchteil von unseren Lieblingen zu nennen. In Schächtelchen, auf den Ablagen, in Schränken und Schatullen stehen die kleinen, persönlich ausgewählten Helferlein geduldig bis zu Ihrem nächsten Einsatz für uns bereit. Das vertraute Umfeld, die Waffen, das Licht und die Möglichkeit im Notfall alle Register zu ziehen (wenn nötig einfach zuhause zu bleiben) macht den Badspiegel unschlagbar!

An dem besagten heißen Samstagabend stand ich etwas angschwipst und durchaus siegessicher vor ihm. Pinsel und Puder in der einen, Proseccoglas und Zigarette in der anderen Hand. Leise singend „shut your eyes … and think of somewhere … „somewhere cold and…“

WHAT THE HELL…!

Da war es!

Am Ansatz weiß wie Schnee glänzte es aus meiner schwarzen, schulterlangen Haarpracht gemeingefährlich hervor. Einen Schritt näher, ein Blick genauer und der Fall war klar, es war nicht zu leugnen, nicht schön zu reden.

Mein erstes graues Haar!

Etwas verstört griff ich zu meiner Zigarettenschachtel, zündete mir die nächste Fluppe an und starrte fassungslos meinem Spiegelbild entgegen. Der nicht wirklich elegante Blick wurde schonungslos erwidert. Da ich schon damals eine Frau der Taten war, ließ ich mich von dieser kleinen, grauen Bestie nicht einschüchtern. Es wäre doch gelacht, wenn diese dumme Sau mich in meinen eigenen heiligen Hallen besiegt. Zigarette in das Waschbecken gelegt, Schächtelchen rechts oben geschnappt, zwischen Ohrringen, Wachsstreifen und Tampons die Pinzette herausgekramt und bereit für den Angriff. Zack, aua und ab in die Kloschüssel damit. Einmal kräftig spülen, das Grauen hatte ein Ende die Bestie war besiegt. Zur Belohnung oder auch Beruhigung gönnte ich mir einen großen Schluck Prosecco und widmete mich hingebungsvoll der Bepuderung meiner jungen Haut. Was konnte mir ein kleines, graues Härchen schon antun? Weniger als nichts!

Trotz meiner ersten bewussten Begegnung mit dem bisher unbekannten Gefühl des Alterns, ließ ich mich von der Welle des heißen Sommers treiben. Nicht nur in dieser Nacht, nicht nur in diesem Sommer – es folgten etliche mehr.

Heute bin ich 33 Jahre alt.

Die Stadtwohnung habe ich mittlerweile mit einem kleinen Häuschen am Rande einer überschaubaren Kleinstadt im Süden Deutschlands getauscht. Die Stereoanlage ohne Zögern und voller Mutterliebe durch ein erstklassiges Babyphone ersetzt. Das Phone ist übrigens inklusive Gegensprechanlage, wirklich sensationell. Falls Ihr nicht stundenlang in fragwürdigen Foren recherchieren möchtet und nach einem soliden, zuverlässigen Babyphone sucht – schickt mir einfach eine Nachricht, gerne gebe ich weitere Infos dazu raus. Die heißen Abende genieße ich zum größten Teil mit meinem geliebten Ehemann.

Wenn die Kleine im Bett ist, kochen wir öfters gemeinsam und köpfen  hier und da auch mal eine gute Flasche Rotwein. Wir flaggen gemütlich auf die Couch und JA, wir schauen öfters mal Tatort und den find ich auch gut! Was meinen besten Freund betrifft – es gibt ihn noch! Ihr könnt beruhigt sein – er wird nach wie vor gebraucht, ein Leben ohne ihn ist immer noch unvorstellbar!

Ich gebe zu, zwei von drei Halogenleuchten sind seit einigen Monaten defekt. Bin noch nicht dazu gekommen neue zu kaufen.  Beim letzten Bauhaus-Besuch standen die Dinger sogar auf dem Einkaufszettel. Meine kleine Maus hatte in der Pflanzenabteilung allerdings einen derartigen Tobsuchtanfall, ich hab einfach nicht mehr daran gedacht. Ganz ehrlich, bei Tageslicht komme ich momentan ganz gut ohne die Lämpchen klar! Schön ist, dass neben den Stylingritualen unsere Freundschaft facettenreicher geworden ist. Ich pflege meinen treuen Gefährten viel öfter. Mit Poliertuch und Glasreiniger gönne ich ihm eine regelmäßige Schönheitspflege.

Mit meiner  zweijährigen Tochter auf dem Arm stehe ich oft eine halbe Ewigkeit vor ihm. Wir schneiden Grimassen und blödeln bis wir vor Lachen losprusten und die ganze Politur für die Katz war. Wenn mein Ehemann sich am Spiegel rasiert, komme ich öfters mal dazu. Mein Mann ist wirklich groß, breit und sehr stark, wie ich finde. Ich stelle mich dann so hinter ihn, dass man nur ihn und keinen Millimeter von mir sieht. Wir kichern und albern herum, nehmen uns in den Arm und manchmal sagen wir uns, dass wir uns lieben.

Ja, liebe Leser, die Zeiten ändern sich. Ich würde lügen, wenn ich nicht ab und an etwas wehmütig zurückblickte. Die Unbedarftheit, grenzenlose Freiheit und das Wissen, dass alle Wege offen sind,  war ein einzigartig und ein fantastisches Lebensgefühl.

Alles zu seiner Zeit kann ich heute etwas weiser behaupten. Was die grauen Haare betrifft, darüber spreche ich mittlerweile mit meinem Friseur, in dieser Beziehung hat der Badspiegel ausgedient. An fachmännische Beratung sowie regelmäßigen, kostspieligen Ansatztönungen komme ich mittlerweile nicht mehr vorbei – that´s life. Schmunzeln muss ich, wenn ich an das „Erste Weiße“ zurückdenke. Süß, wie damals die Pinzette das einsame, unschuldige, kleine Haar geküsst hat.

Eure Luise

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2 Gedanken zu “Pinzette küsst graues Haar!

  1. Kleopetra sagt:

    Liebe Luise, schön, dass Du die Sonne vieler Sommer mit uns teilst – und Deine grauen Haare. Ich finde mich sehr in Deiner Geschichte wieder! Bitte mehr davon!
    Danke, Kleopetra

    Gefällt mir

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