Hat der Fortschritt unsere Vorfreude geklaut?

„Luisssssseeeeeeeee, kommst du bitte runter… Post für Dich!“…“Luissssssseeeeeeeeeeee, verdammt nochmal, hast Du Tomaten auf den Ohren? Meine Mutter schrie sich im Treppenhaus die Seele aus dem Leib. Tomaten hatte ich keine auf den Ohren, dafür meine neue Stereoanlage bis zum Anschlag aufgedreht. Ein wahres Prachtexemplar, das ich seit Weihnachten mein Eigen nennen durfte. Mit 2-fachem CD-Fach und bombastischen Lautsprechern, für einen noch besseren Beat war ich mehr als up-to-date. Meine sonst bevorzugten Mayday Techno Hymnen, Tic Tac Toe oder Mr. President Songs tauschte ich seit letzter Woche gegen einen einzigen unbeschreiblich ergreifenden Song aus. Stundenlang, saß ich zusammengekauert auf dem Kieferbett meines Zimmers und ließ meinen Tränen freien Lauf. Um mich herum ein Meer von verrotzelten Taschentüchern. Laut schluchzend und leicht zitternd sog ich den Klang des Liedes fast schon dramatisch und etwas theatralisch immer und immer wieder in mir auf. Was erwartet Ihr?

Mit 16 Jahren, den Gipfel meiner pubertierenden Entwicklung erreicht, waren vulkanartige Emotionsausbrüche an der Tagesordnung.

Die Frage, ob alle davon nachvollziehbar waren und ich die Gründe dafür auch heute noch verstehe, lassen wir mal dahingestellt. Dieser Ausbruch allerdings, bei dem im Vergleich selbst der Ätna eine Lachnummer ist, war ansatzweise berechtigt. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, blicken wir auf die vorhergegangene Woche zurück. Seit Montag wurde die Auslieferung einer CD-Single von vielen, und vor allem von mir, sehnsüchtig erwartet. Fünfmal fuhr ich in der besagten Woche mit meinem Fahrrad zu dem Musikladen in der Stadt. Verschwitzt und enttäuschst stellte ich immer wieder fest, dass die anstrengende Tour umsonst war. Beim sechsten Anlauf  brach ich Mitten im Music-Store  in einen explosionsartigen Freuden-Ätna  aus. Das dunkelblaue Hardcover, auf dem eine weiße Rose abgebildet war, strahlte mich mit traurigem Stolz aus den vordersten Regalreihen an. Unter Tränen und voller Glück, schnappte ich mir eines der Exemplare und durfte es für knapp zehn D-Mark mein Eigen nennen. Wie gestochen radelte ich nach Hause. Nun war ich endgültig bereit, die letzten Tage der Sommerferien mit meiner persönlichen Trauerphase zu zelebrieren. Ich schottete mich vom warmen Sommer und dem Leben jenseits meiner vier Wände komplett ab und versank in meiner Traurigkeit.

Ein Schicksalsschlag, der um die Welt ging, war der Auslöser meines bedenklichen Zustandes. Wir schrieben das Jahr 1997, in dem meine Mutter mir an einem spätsommerlichen Ferienmorgen, die besagten Tomaten auf den Ohren unterstellte. Kurze Zeit zuvor verstarb Lady Diana, the Princess of Wales, bei einem tragischen Autounfall. Elton John trällerte nun seit Tagen in einer Endlosschleife „Candle in the Wind“ aus den Lautsprechern meiner Stereoanlage und ich ließ meiner Trauer freien Lauf. Schlussendlich erlöste mich meine Mutter mit Ihren Tomaten von meinem  Leiden. Nachdem ich Ihre verzweifelten Rufe, allein schon aus Prinzip konsequent ignorierte, schob Sie durch den Schlitz meiner Zimmertür einen Briefumschlag. Mit verquollenen Augen und triefender Nase krabbelte ich aus dem Bett und schnappte mir das gelbe Kuvert. Ein kleines aber feines Gefühl der Freude machte sich in mir breit.  Zeilen von meiner treuen Brieffreundin Denise. Seit Wochen erwartete ich sehnsüchtig Antwort von ihr. Den ersten Kontakt knüpften wir über die Briefreunde-Börse der Pferdezeitschrift Wendy. Seit mehr als drei Jahren schrieben wir uns regelmäßig. Pferdeverliebt und auf einer Wellenlänge, tauschten wir uns rege und mit Füllfeder über unser Leben aus. Aus Pferden wurden Jungs, die Wellenlänge blieb die Gleiche. Voller Neugier verschlang ich die Neuigkeiten über Ihren neuen Schwarm, den Problemen mit Ihren Eltern und Ihre Pläne für die Zukunft. Der Witz, mit dem Sie Ihr Erlebtes umschrieb brachte mich dazu meine Trauer zu beenden. Ich beschloss fortan wieder gut gelaunt und optimistisch durch mein junges Leben zu schreiten. Auch der Ätna hört irgendwann auf Feuer zu spucken. Außerdem musste ich schleunigst in den Fotoladen um die Ecke radeln. Die Bilder der Klassenfahrt sollten mittlerweile endlich entwickelt sein. Das hatte ich während meiner Trauer völlig verdrängt.

Die letzten Tränen aus dem Gesicht gewischt, hüpfte ich in meine Levis 501 Jeans, schlüpfte in meine lila Doc Martens und machte mich auf den Weg. Bewaffnet mit Abholschein und guter Laune hopste ich lachend an meiner etwas verdutzt wirkenden Mama im Treppenhaus vorbei.

Für Erklärungen gab es keine Zeit, ich wollte vor der Mittagspause bei dem kleinen Laden sein. Der Inhaber, ein alter grauhaariger Herr mit Nickelbrille, würde nicht extra auf mich warten.

Völlig aus der Puste und wiedermal verschwitzt bis auf die Haut hechelte ich gerade noch rechtzeitig in das Geschäft. Der freundliche Nickelbrillen Opa nahm den Abholschein in Empfang und streckte mir die langersehnte Fototasche in die Hand. Wir wechselten ein paar Worte über das Wetter und seine Rheumaprobleme bevor ich mich wieder auf den Heimweg machte. Die Phototasche versiegelt auf meinem Gepäckträger, die Gedanken bei dem darin schlummernden Inhalt, radelte ich vergnügt und mit neuer Energie nach Hause. Das Siegel würde wohl noch eine Weile kleben bleiben. Meine Neugierde wollte ich solange ertragen, bis meine Klassenkameradin Tina Zeit für ein gemeinsames Klassenfahrt Revival Treffen hatte. Zuhause angekommen, wartete meine Mama bereits mit einem leckeren Mittagessen auf mich. Vor dem Essen, klingelte ich noch kurz bei Tina durch. Ihr Papa raunte mit tiefer, respekteinflößender Stimme: „Müller“ ins Telefon. „Hallo Herr Müller, hier ist Luise Shorts, ist denn die Tina zu sprechen?“ säuselte ich höflich in den Hörer. „Luise, ich weiß nicht, ob Du auf die Uhr geschaut hast. Es ist kurz nach zwölf Uhr. Wir essen gleich zu Mittag.  Sei so gut und gönne uns diese Pause. Ich denke Dein Anliegen, hat bis  nach 14:00 Uhr Zeit“ PENG, das saß. Ich nuschelte noch irgendwas von „Tschuldigung“ und „hab die Zeit vergessen“ in die Muschel, verabschiedete mich kleinlaut und war heilfroh als das Gespräch beendet war. Hätte ich auch selbst dran denken können. Wie konnte ich vor lauter Aufregung vergessen, dass Mittagsruhe war? Selbst Schuld, Luise!

Wenige Stunden später, den Faux-Pas mit Papa Müller weitgehendst verarbeitet, klingelte ich erneut bei Tina an. Was für ein Glück!  Die vertraute Stimme meiner geliebten Klassenkameradin war direkt nach ein paarmal Klingeln am Apparat. Wir vereinbarten für den Spätnachmittag ein Treffen auf dem Sportplatz bei unserer Schule. Dort trafen wir uns regelmäßig zu geheimen Ladytalk-Veranstaltungen. Manchmal schlichen wir uns am späten Abend leise aus dem elterlichen Haus, um uns über die neuesten Neuigkeiten auszutauschen. Wir zeigten uns gegenseitig die Liebesbriefe die wir für unseren aktuellen Schwarm verfasst hatten und rauchten dabei eine Marlboro Zigarette nach der anderen. Tina berichtete oft von ihrem großen Bruder Jakob, der für ein Jahr nach Australien gegangen war. Nach seinem wöchentlichen Anruf, den wir beide gespannt entgegen fieberten, hielt sie mich über sein Leben in am anderen Ende der Welt auf dem Laufenden. Ob sie damals gespürt hatte, dass ich unsterblich in ihn verliebt war, weiß ich nicht, ich glaube aber schon. An jenem Tag widmeten wir unsere gesamte Aufmerksamkeit den Bildern unserer Klassenfahrt. Wir lachten uns fast kaputt als wir die misslungenen Schnappschüsse unserer Lehrerin Frau Pongra in den Händen hielten. Zum Abendessen war ich wieder daheim. Pünktlich um 20:00 Uhr saß ich mit meinen Eltern auf der Couch vor dem Fernsehapparat. Wir lauschten gespannt den neusten Berichten zu Dianas und Dodys mysteriösen Autounfall. Nach einer kurzen Werbepause, tauchte eine gut frisierte Dame auf dem Bildschirm auf. Sie informierte uns freundlich mit wenigen aber informativen Sätzen über den nun folgenden TV-Film. Im Gegensatz zu meinen Eltern, die sich wie Bolle auf die Ausstrahlung des angekündigten Krimis freuten, ließ mich die Voransage eher kalt. Die Alternative wäre ein weiterer Diana Ätna-Ausbruch gewesen. Ich entschied, mein Gemüt mit einer sinnvollen Tätigkeit bei Laune zu halten. Ich verzog mich auf mein Zimmer und widmete mich hingebungsvoll dem Antwortschreiben für Denise.

Nach einem langen, aufregendem Tag und fünf Seiten später kuschelte ich mich genüsslich in mein Kieferbett und schlief selig ein. Ich träumte von Opa Nickelbrille, Papa Müller und meiner Mama die mit Tomaten jonglierte. Von Jakob, der auf einem  Känguru  durch meine Traumwelt ritt und laut brüllte: Luiseeeeeeeeeee i love youuuuuuuuu….

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Heute schreiben wir das Jahr 2013

Der tödliche Autounfall von Diana ein tragischer und unvergesslicher Bestandteil der Vergangenheit  und nun schon mehr als 15 Jahre ein Teil der Geschichte. Möge die fantastische, bewundernswerte Princess of Wales in Frieden ruhen. Die Zeit kann ich nicht zurückdrehen, das ist auch gut so. Irgendwie bin ich froh, dass ich meine pubertierenden Ätna-Ausbrüche mittlerweile so gut wie unter Kontrolle habe. Geändert hat sich seit den besagten Sommerferien im Jahr 1997 so einiges. Die Welt ist schneller geworden. Im Zeitalter von Email, Internet, MP3-Player, Smartphones & Digicam sind die  Wege kürzer und  kommunikativer geworden. Schnell noch eine E-Mail verschickt,  aktuelle News gegoogelt, eine kurze SMS getippt und regelmäßig auf den Auslöser der Digicam geklickt. Was nicht gut oder relevant ist, wird geschlossen oder in den Papierkorb gekickt. Herr gelobe Facebook, Twitter, Linkedin, Youtube und Co.! Die Plattformen auf welchen sich die heutige Welt dreht, ermöglichen uns einen regen Austausch mit Freunden, Nicht-Freunden und noch ganz viel mehr wichtigen oder unwichtigen Menschen. Einfach und zuverlässig in der Handhabung läuft der Wissensaustausch, die Reaktionszeit und die Erreichbarkeit auf Hochtouren auf.

Die Vorstellung, fünf Mal in die Stadt zu radeln um eine popelige CD zu ergattern, ist heutzutage sehr befremdlich. Noch nie was von iTunes oder Youtube gehört? Ratz-Fatz und ohne Mühe wird der Wunsch nach dem Lieblings-Song per Download erfüllt. Klar ist das ständige in-die-Stadt-radeln mühsam und anstrengend! Die Freue nach viel Anstrengung und Beharrlichkeit jedoch um einiges größer, als bei einem schnellen und bequemen Download. Heutzutage irgendwo anrufen und von einem unfreundlichen Papa Müller abgewimmelt werden? Von wegen!  Da klingle ich doch lieber direkt auf dem Handy durch.

Wie buchstabiert man überhaupt Festnetz? Die verstaubte Mittagsruhe, falls sie noch gelebt wird, ist mit einer heimlichen SMS oder einem Anstupser bei Facebook clever zu umgehen. Die Konfrontation mit Papa Müller brachte aber nicht nur Nachteile mit sich. Das eine kleine Auszeit von dem Alltagswahnsinn für eine Familie sehr wichtig ist, kann ich sehr gut nachvollziehen. Mit voller Aufmerksamkeit und Ruhe ein wenig Zeit mit den Liebsten zu verbringen, erscheint mir als sehr sinnvoll. Für mich bedeutete das damals zwar Warten, gleichzeitig aber auch Platz für ein kleines bisschen Vorfreude auf das nächste Telefonat mit meiner Freundin. Verschwendung von wertvoller Sendezeit für eine Fernsehtante, die ohne weitere Hintergrundinfo über einen TV-Film informiert? Kurz Movie gegoogelt und voilà erscheinen Bilder, Videos und Filmkritiken auf dem Notebook. Nett fand ich die Dame damals aber irgendwie trotzdem. Briefe schreiben und ewig auf  eine Antwort warten? Na da tipp ich heute doch lieber rasch eine E-Mail oder kläre mein Anliegen über einen kurzen Chat. Wer bitte schreibt heute noch Briefe? Wenn ich genau überlege habe ich mich jedoch noch nie über eine Chat Nachricht oder eine E-Mail so stark, wie über die Briefe von Denise gefreut. Eine Woche oder länger auf Fotos zu warten, diese Vorstellung bekommt nun wirklich einen fetten „Steinzeitalterstempel“ draufgeklatscht. Im Zeitalter von Facebook, werden die vorteilhaften Pics sofort und fröhlich gepostet, geliked und kommentiert. Es war aber auch schön, den Film zum Entwickeln in den Shop zu bringen und tagelang gespannt auf das Ergebnis zu warten. Wie groß war meine Freude doch, als die Bilder in dem bunten Umschlag zur Abholung bereit lagen. Was wäre aus dem netten Opa Nickebrille geworden, hätte er seinen kleinen Fotoladen in der heutigen Zeit gehabt? Allzu viel Besuch von jungen Kunden hätte er nicht bekommen. In meiner Welt, dem www, hätte ich ihn wiederrum kaum angetroffen, wir wären uns wahrscheinlich nie begegnet. Tagelang auf ein Lebenszeichen der großen Liebe zu warten? Absolute Zeitverschwendung!

Der aktuelle Schwarm wird erst mal bei 123peoplegecheckt. Anschließend wird voller Hingabe sein Facebook Profil analysiert. Falls er weiterhin im Rennen ist, trete ich schnell und einfach in sein Leben. Scheiß doch drauf, auf welchen Fleckchen Erde er gerade rumturnt. Dank Skype turne ich lustig mit. Irgendwie auch schade. Ist es nicht doch viel reizvoller eine neue Liebe langsam und mit all seinen eigenen Geheimnissen und Erzählungen kennenzulernen?

Die Ehrenurkunde für Altertümlichkeit schlechthin bekommen die Treffen auf dem Sportplatz.

Welch entsetzlicher Gedanke, sich bei Wind und Wetter aus dem Haus zu schleichen, nur um sich mit einer Freundin auszutauschen. Sozial bis zum Anschlag mit der Außenwelt verknüpft, sitze ich heute gemütlich zwischen Notebook, Smartphone, Digicam und MP3-Player im molligen Warmen! Ob ich mich an einen Online-Abend mit Facebook Freunden zukünftig so gut erinnern kann, wie an den Ladytalk auf dem Sportplatz, wage ich stark zu bezweifeln. Denn, letztendlich wenn es sich auch nicht so anfühlt, sitze ich alleine da. Mein Fazit zu den Veränderungen ist nicht nur deshalb ziemlich zwiegespalten. Einerseits verdient der Fortschritt, den ich heute genießen darf, einen großen Applaus! Danke, für die ganz arg viele wertvolle Zeit, die nicht nur ich dadurch gewinne! Andererseits, bezahle ich eindeutig einen hohen Preis dafür. Der Platz für Gefühle, wie Spannung, Neugier und Vorfreude ist kleiner geworden und geht manchmal sogar still und heimlich verloren.

Kritische Grüße

Eure Luise

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