Die alte Partymaus

Nach Wochen wenn nicht sogar Monaten der Abstinenz, gönnen wir uns dieses Wochenende einen wohlverdienten Ausgehabend. Vati schaut, dass er etwas früher bei der Arbeit Schluss macht. Wir, die Muttis organisieren den Babysitter, reservieren einen Tisch im Restaurant und legen die Kneipe für den anschließenden Umtrunk fest. Die Kinder checken wir am frühen Abend mit All Inklusive Verpflegung bei der Schwiegermama ein. Nachdem wir uns mit einem dicken Schmatz von ihnen verabschiedet haben, steigen wir ins Auto und fahren winkend und mit leicht komischem Gefühl davon. Das liebende Mama Stimmlein flüstert besorgt in unserem Kopf: „Meinst die Kleinen können gut schlafen? Die fehlen Dir doch jetzt schon!“ Die in die Jahre gekommene Partymaus hält voll dagegen und grölt in bester Feierlaune:

„He Muddi mach dich locker, andere machen das jedes Wochenende! Die Party kann beginnen.“

Mit einem Blick auf die Uhr stellen wir entsetzt fest, dass es schon so was von spät ist und brausen ohne Rücksicht auf Geschwindigkeitsbegrenzung Richtung Heimat. Zuhause angekommen stolpern wir im Flur über Matchboxautos und Legosteine Richtung Küche, überlegen ob wir nicht doch noch kurz durchsaugen und reißen den Kühlschrank auf, um uns auf dem Weg ins Bad ein kühle Erfrischung zu gönnen. Wir fischen eine Dose Hugo aus dem Gefrierfach und schlürfen genüsslich die alkoholische Minzbrause (selbst zubereiten ist nicht, wir wollen keine Sekunde unserer kostbaren freien Zeit vergeuden!) Unter der Dusche trällert der gutgelaunte Ehemann eine Feierabendmelodie  und freut sich auf den bevorstehenden Abend. Schnell schlüpfen wir in das Weggehdress und hauen uns Makeup und Mascara ins Gesicht. Währenddessen grübeln wir, ob die unverschämt hohen Stilletos, die wir bereits vor Tagen aus einem verstaubten Schuhkarton gekramt haben, wirklich die richtige Wahl für unsere heiße Nacht ist. Den Ehemann beziehen wir in unsere Überlegung nicht mit ein. Durch jahrelange Erfahrung wissen wir, dass er keine nützliche Hilfestellung bei unserer komplizierten Schuhwahl ist.

Schon ziemlich spät dran, bestellen wir zur Feier des Tages ein Taxi und zerren den Mann, der Ewigkeiten vor uns mit seinem Styling-Prozess fertig ist, ins Auto. Wir  lassen uns neben ihm auf den Rücksitz fallen, atmen erleichtert durch und freuen uns auf ein stressfreies Essen im Restaurant. Zum Aperitif bemerken wir an unserem Nachbartisch  zwei zappelnde Kinder, ein genervten Papa und eine schweißgebadete Mama, die verzweifelt versucht ihre Sprösslinge im Zaun zu halten. Wir lächeln verständnisvoll zu ihnen rüber, genießen die Vorspeise und überlegen was unsere Kleinen wohl gerade machen. Bevor wir unseren Göttergatten in ein tiefgründiges Gespräch verwickeln, trinken wir einen großen Schluck von dem teuren Roten, schlemmern den Hauptgang und tippen nebenher mit flinken Fingern eine SMS an die Schwiegermutter. Wie es wohl unseren Kleinen geht? Die schlafen! Sehr gut!

Da wir im Gegensatz zu früher keinen Alkohol vertragen, sind wir bereits zum Nachtisch strunzhagelvoll. Wir kichern, plappern und flirten mit unserem immer noch nüchternen Schätzelein und verabschieden mit einem mitleidigen Blick die Eltern von nebenan, die zwar satt aber fix und fertig mit ihren Kindern von Dannen ziehen. In voller Partylaune und mit der Absicht nicht vor dem Morgengrauen ins Bett zu gehen, schmeißen wir uns erst an unseren Ehemann, dann ins Taxi und freuen uns auf die bevorstehende Kneipensause. In der Bar gönnen wir uns einen scharfen Kurzen und ein kühles Bier. Der Boden, unter unseren verdammt unbequemen hohen Absätzen beginnt heftig zu wanken. Wir lehnen uns beschwipst an einen der Barhocker und beobachten das rege Treiben der Lokalität. Neben uns eine Herde wildgewordener Jünglinge, die sich ohne Anstand  bitter böse besaufen und totale Empörung in uns Auslösen. Unser Junge wird nie so asozial voll sein! Einige ältere Stammgäste kennen wir, die sitzen heute wie vor Jahren am Tresen vor ihrem lahmen Weizen. Sie erzählen die gleichen Witze wie früher und lachen schenkelklopfend über die Pointe, die außer ihnen sonst keiner versteht.

Ehemann hat langsam auch einen sitzen. Wir bestellen zwischendurch lieber Mal ein Wässerchen, der leichte Druck auf den Schläfen könnte zu einem Kopfweh ausarten. Um  Mitternacht gähnen wir uns langsam Richtung Vernunft und hinterfragen kritisch, in wieweit ein weitere Schnaps eine Bereicherung für unser Leben darstellt. Ein alter Lieblingssong, der aus den Boxen  an der Wand  dröhnt, verschafft uns ein letztes Aufbäumen bevor wir völlig fertig in uns zusammensacken. Wir bestellen rasch die Rechnung und ein Taxi und überlassen Jünglingen und Stammgästen das Partyschlachtfeld. Wir wollen nur noch heim.

Zuhause tauschen wir das unbequeme Outfit gegen den kuschligen Pyjama und pfeffern die verdammten Schuhe in die hinterste Ecke des Kleiderschrankes. Das Abschminken lassen wir ausfallen. Auf dem Weg ins Bett, huschen wir noch kurz in das verlassene Kinderzimmer. Einfach so! Wollen nur mal reinschauen, verharren eine Weile traurig vor den verlassenen Bettchen und stellen fest, dass wir die Kleinen ganz schön vermissen. Dann schlüpfen wir zu dem bereits schnarchenden Ehemann unter die Decke und beten, dass der Kater morgen nicht allzu böse zu uns sein wird.

Pünktlich um sieben wachen wir auf, der Kopf dröhnt, die Augen brennen, der Hangover ist trotz Stoßgebet im vollen Gange. Wir verkriechen uns wieder unter der Decke und hoffen, dass wir noch ein wenig Schlaf finden. Spätestens um zehn stehen wir auf, rufen mit zitternden Händen und schmerzenden Gliedern bei Schwiegermama an. Gott sei Dank, den Kindern geht es gut.

Wir kämpfen uns mit Kopfschmerztablette und literweise Wasser durch den Vormittag. Die gute Laune von unserer besseren Hälfte geht uns tierisch auf die Nerven. Während wir sterben, nutzt der doch glatt die kinderfreie Zeit, lässt uns mit unserem Leiden allein und geht eine Runde Joggen. Am Spätnachmittag holen wir unsere Kinder ab und  freuen uns aufrichtig, sie wieder bei uns zu haben. Trotz Freude flehen wir heimlich,  dass die letzten quälenden Stunden des Tages irgendwie vorbei gehen.

Irgendwann haben wir es geschafft. Die Kinder sind im Bett, der Mann neben uns auf dem Sofa und wir konzentrieren uns mit heftigem Übelkeitsgefühl auf den TV-Krimi. In der Werbepause fallen uns die Augen zu. Während wir eindösen wispert die empörte Mamastimme in uns:

„Hab dir doch gesagt, dass Du zu alt bist für so ein Scheiß! Auf mich wollte man ja nicht hören, das haste jetzt davon! Hoffentlich lernst du endlich mal draus.“

Erst Tage später verspüren wir, wie das allgemeine Wohlbefinden langsam wieder Herr der Lage wird. Plötzlich hat uns der Alltag wieder. Der hohen Preis für ein bisschen Feiern wurde schmerzlich bezahlt und  wir sind  froh, dass es uns wieder gut geht. Wochen wenn nicht Monate später vernehmen wir erst leise, dann immer lauter werdend eine vertraute Stimme.

„He Muddi, geht’s noch? Wie lange magst den noch so verdammt erwachsensein?

Pack Deine Stilletos aus, ruf den Babysitter an und lass mal richtig krachen“

Da ist sie wieder, die alte Partymaus. Eigentlich hat sie ja Recht. So ein bisschen Feiern zwischendurch würde uns wirklich gut tun. Ob unsere Mutter bald mal Zeit und Lust hat, die Kinder über Nacht zu nehmen?

Verkaterte Grüße

Eure Luise

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3 Gedanken zu “Die alte Partymaus

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