Sichtweise

Die Rheinstadt Düsseldorf ist das Mekka der Partyfreunde. Ich darf mich glücklich schätzen. Für einige Jahre war auch ich (das schwäbische Landei) ein Teil davon. Wage erinnere ich mich an einen meiner wildesten Tanznächte. Irgendwo zwischen Derendorf und Oberkassel. Einer der Abende, an denen man schon beim Vorglühen spürt, dass die Nacht heftig und gut wird.

Wenn zur späten Stunde, die Gier nach dem fucking Podest unerträglich wird, man hochkrabbelt und jegliche Art der Selbstzweifel verliert, bestätigt sich, dass man richtig lag.

Nein Mann, ich will noch nicht gehn, ich will noch ein bisschen tanzen. Innerlich wie äußerlich knapp einen Meter größer, schwinge ich alles aus mir raus, was sich die letzten Wochen angestaut hat. Ich schließe die Augen, lasse mich treiben und die Hüften kreisen.

Plötzlich verspüre ich in meiner rechten Pobacke, einen stechenden Schmerz. (Ein Massageball, dessen Noppen Stecknadeln sind?)

Auch wenn es spät ist, das Podium ist knalle voll. Das wilde Volk um mich, bemerkt meine flehenden Blicke nicht. Würden die doch nur ein bisserl Platz machen. Dann hätte ich dieses bescheidene Gefühl vom Arsch.

Es fühlt sich an, als ob ein Igel fröhlich auf meinem Hintern rumkugelt. Die Stacheln bohren sich durch meine dünne Satin-Short, in meinen Kopf steigt die Röte und auf meinen Wangen kullern Tränen. Mir ist klar: Das Viech ist der Bart eines Mannes.

Irgendwie schaffe ich es dann doch und dreh mich um. Vor mir steht ein Typ. Einer von den Coolen. Mit seiner blauen Adidas Jacke (die er trotz Hitze, bis oben geschlossen trägt), der drei Millimeter Glatze und dem zwanzig Tage Bart, steht er da –  A N N A.  Wer solch Einen zu seinem Freundeskreis zählen darf, kann sich sicher sein, dass er in der High Society der Düsseldorfer Buddys angekommen ist.

Mit der einen Hand hebt er ein Heineken und der anderen seinen Zeigerfinger. „Ich müsste mal kurz hier durch.“ Ich lache hysterisch und könnte mich dafür in meinen schmerzenden Hintern beißen. Etwas Besseres fällt mir in der Situation jedoch nicht ein. Gib mir ein Loch in dem ich versinken kann. Der Abend ist gelaufen.

Einige Wochen später, treffe ich im selben Club wieder auf den Buddy. Diesmal vor dem Klo. Meine Stoßgebete, dass ich ihn nie wieder sehen muss, wurden nicht erhört. Während ich warte, spähe ich verstohlen zu ihm rüber. Buddy lehnt gegenüber an der Tür und mustert die Mädels, die brav in der Schlange stehen und aufs Pinkeln warten. Gott sei Dank, erkennt er mich nicht.  Warum sollte er auch? Ich bin unscheinbares Fußvolk aus dem ländlichen Süddeutschland. Die westliche Großstadt Coolness wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Das weiß ich und damit muss ich (Gott sei Dank in diesem Fall) leben. Als ich auf der Schüssel sitze, wird mir klar: Das was ich nicht bin, fasziniert mich. Und ja, ich beneide ihn für seine Lässigkeit.

Beim Zurückkommen trifft mich der Schlag. Buddy liegt, mit allen Vieren von sich gestreckt, im Geräteraum der Toilettenfrau. Die schimpft wie ein Rohrspatz und ihm scheint die Situation sichtlich peinlich.

Ich freue mich. Nein, es ist keine Schadensfreude. Lediglich die Begeisterung für eine erleichternde Erkenntnis: Auch die Buddy High Society, selbst wenn sie als zappelnder Maikäfer immer noch mehr Coolness ausstrahlt, als ich an meinen besten Tagen, könnte ab und  an ein Loch zum Versinken gut gebrauchen.

Um die Pointe zu verstehen, musst du auf den wundervollen Blog von Seppo gehen.

Gut gelaunte Grüße

Luise

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11 Gedanken zu “Sichtweise

  1. Seppo sagt:

    Hat dies auf seppolog rebloggt und kommentierte:
    Das hat mich jetzt wirklich mal überrascht! Meinen Artikel „Po im Arsch“ hat Luise aus der Sichtweise des Pos geschrieben. Die „Sichtweise“ macht es eben aus. Danke!

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  2. eurydikeswelt sagt:

    Luise, natürlich ist es oftmals mehr Schein als Sein und ich finde, einen ehrlichen und nicht perfekten Menschen tausendmal schöner als diese perfekten Buddys.
    Ich habe auch mal in Düsseldorf gelebt und diese Nächte sind mir nicht fremd. Vielleicht standen wir gemeinsam an der Toilettentür und haben den Buddy innerlich genau diesen Moment gewünscht.
    Viele sommerliche Grüße
    die Eurydike (eurydikeswelt.com)

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    1. luiseshorty sagt:

      Liebe Eurydike, vielen Dank für Deine Zeilen. Alles was Echt ist, gefällt mir besonders gut. Und ja wer weiß, vielleicht sind wir uns schon einmal begegnet und haben den selben Yuppie verflucht – aber nicht den echten Seppo, oder? 🙂 Habe mich aufrichtig über Dein Kommentar gefreut und wünsche Dir einen wundervoll, warmen Sommer mit ganz vielen ehrlichen Momenten und schönen Menschen. Greez Luise.

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